Wertorientiertes Prozessmanagement

In einer digitalen Wirtschaft, die durch Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität gekennzeichnet ist, sind kundenorientierte, wirtschaftliche und durch digitale Technologien gestützte Ende-zu-Ende-Prozesse ein zentraler Erfolgsfaktor. Das Prozessmanagement zählt daher nach wie vor zu den Kernaufgaben der Organisationsgestaltung. Es umfasst Aufgaben wie die Identifikation, Definition und Modellierung von Prozessen, deren Umsetzung und Ausführung, Überwachung und Steuerung sowie eine kontinuierliche Verbesserung und Innovation. Erfolgreiches Prozessmanagement erfordert ein Zusammenspiel von Governance, Methoden, Informationstechnologie, Kultur, Mitarbeitern sowie eine Ausrichtung an übergeordneten Unternehmenszielen.

Der Fachbereich Wertorientiertes Prozessmanagement am Kernkompetenzzentrum FIM und der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer FIT setzt sich in Wissenschaft und Praxis intensiv mit klassischen und modernen Fragestellungen des Prozessmanagements auseinander. Zu diesem Zweck nutzen wir gestaltungs- und verhaltensorientierte Forschungsmethoden (z.B. mathematische Modellierung, Entwicklung von Software-Prototypen, Taxonomieentwicklung, Delphi-Studien und Fallstudien). Unser Ziel ist es, Prozesse durch digitale Technologien zu verbessern sowie durch innovative Prozessmanagementkonzepte nachhaltig Wert für Unternehmen zu stiften. Zum Beispiel haben wir in unserer Studie zum „Prozessmanagement im Digitalzeitalter“ Prozessmanagementfähigkeiten identifiziert, mit deren Hilfe effektives und effizientes Arbeiten im Zeitalter der Digitalisierung ermöglicht wird.

Kompetenz fim

Unsere Arbeit unterteilt sich in folgende, miteinander verwobene Themenfelder:

Prozesssteuerung: Im Bereich der Prozesssteuerung beschäftigen wir uns mit der Entwicklung von Prozesskennzahlensystemen, die für eine klassische Prozessanalyse, aber auch für die Echtzeitsteuerung von Prozessen einsetzbar sind. Zudem sollen diese Kennzahlensysteme mit Daten aus Process Logs befüllt werden können. Des Weiteren beschäftigen wir uns mit der Erkennung und dem Management von abweichendem Prozessverhalten („process deviance“).

Prozessdigitalisierung: Digitalisierung erfordert ein radikales Neudenken von Prozessen. Wir untersuchen, wie digitale Technologien (z.B. Smart Devices) am sinnvollsten in Prozessen einzusetzen sind und welche Geschäftsmodelle sich auf Basis digitaler Prozesse ergeben. Unter dem Stichwort Industrie 4.0 untersuchen wir oben genannte Fragen auch mit einem Fokus auf digitale Produktionsprozesse.

Prozessverbesserung und -innovation: Prozessverbesserung ist eine zentrale Aufgabe des Prozessmanagements. Wir entwickeln und erproben hierfür neue Analyse- und Bewertungsmethoden, die helfen, das Digitalisierungs- und das Industrialisierungspotenzial von Prozessen auszuschöpfen. Prozessindustrialisierung bezieht sich für uns auf das Automatisierungs-, Standardisierungs-, Flexibilisierungs- und Sourcingpotenzial von Prozessen. Im Rahmen von Open Innovation gestalten wir Analyse- und Bewertungsmethoden so, dass prozess- und unternehmensexterne Gruppen (z.B. Kunden, Fachexperten) in die Ideengenerierung und -validierung eingebunden werden können.

Prozessprojektportfoliomanagement: Während Forschung und Praxis einzelne Prozesse als Untersuchungsgegenstand schon sehr gut verstehen, bleiben Abhängigkeiten zwischen Prozessen und Prozessverbesserungsprojekten weitestgehend unberücksichtigt. Im Prozessprojektportfoliomanagement nehmen wir daher eine Multi-Prozess-/Multi-Projekt-Perspektive ein, um unter anderem Fragen der Prozesspriorisierung und der Planung von Verbesserungsprojekten (Roadmapping) voranzutreiben.

Prozessmanagement als Enabler: Wir vertreten die Auffassung, dass das Prozessmanagement einen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten soll. Die digitale Wirtschaft erfordert innovative und unternehmensindividuelle, also kontextspezifische Prozessmanagementkonzepte. Ein zentrales Handlungsfeld ist für uns die Ausrichtung des Prozessmanagements an den Anforderungen ökonomischer, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Darüber hinaus muss das Prozessmanagement organisationale Agilität ermöglichen, d.h. es muss eine Balance zwischen Effizienz und Innovationskraft auf fachlicher und technischer Ebene gefunden werden.

Prozesse und Menschen: Im Gegensatz zur Prozessindustrialisierung stellt die Digitalisierung den Menschen wieder in den Vordergrund betrieblichen Handelns. Entsprechend untersuchen wir, wie Menschen in Zukunft erfolgreich zusammenarbeiten und welche Rahmenbedingungen das Prozessmanagement hierfür bereitstellen muss. Außerdem stellen wir uns die Frage, inwieweit sich menschliches Verhalten in Prozessen antizipieren, messen und nutzen lässt (z.B. Integration von Kunden in Unternehmensprozesse oder Einsatz von Gamification-Ansätzen zur Mitarbeitermotivation).

Das Kernkompetenzzentrum FIM beschäftigt sich mit relevanten Realweltproblemen sowohl in öffentlich geförderten Grundlagenforschungsprojekten als auch in angewandten Forschungsprojekten mit Praxispartnern. Dabei erarbeitet es gemeinsam mit seinen Partnern einzigartige und neuartige Lösungen auf Basis seiner Einblicke in den aktuellen Stand der Forschung, seiner praktischen Erfahrung sowie der Interdisziplinarität und Begeisterung seines Teams. Ausgewählte Projekte sind:

    • Smart Devices in der Produktion (2017-2018):
      Entwicklung einer Middleware zur Vernetzung von Produktionsteilnehmern wie Mensch, Maschine und produktionsnahen IT-Systemen über Smart Devices
    • HEINZ-GLAS (2017):
      Prozessanalyse und Auswahl eines ERP-Systemanbieters sowie anschließende Begleitung der Systemeinführung
    • Deutsche Bahn (2015-2017):
      Entwicklung eines Konzepts zur IT-Unterstützung und Prozessverbesserung im Kontext der Digitalisierung bei DB Fernverkehr sowie Analyse der Kapazitätsmanagementprozesse in den Werken von DB Fernverkehr
    • MELOS (2014-2016):
      Entwicklung eines Modularisierungsansatzes und eines domänenspezifischen Konfigurationsmechanismus für die Abwicklung datengetriebener Prozesse
    • Bayerische Bereitschaftspolizei (2016):
      Wirtschaftlichkeitsanalyse für ein mögliches Logistikzentrum der Bayerischen Polizei und Justiz
Basierend auf den Ergebnissen der Forschungsprojekte veröffentlicht das Kernkompetenzzentrum FIM regelmäßig in internationalen Zeitschriften und Konferenzen. Ausgewählte Veröffentlichungen sind:

Prioritization of Interconnected Processes – A PageRank-based Approach
appears in: Business & Information Systems Engineering, 2017
Value-based Process Project Portfolio Management: Integrated Planning of BPM Capability Development and Process Improvement
in: Business Research, 9, 2, 2016, p. 377-419
Lehnert, Martin
Linhart, Alexander
Röglinger, Maximilian
The Future of Business Process Management in the Future of Work
in: Proceedings of the 24th European Conference on Information Systems (ECIS), Istanbul, Turkey, 81. Paper, June 2016
Kerpedzhiev, Georgi
Lehnert, Martin
Röglinger, Maximilian
An Economic Decision Model for Determining the Appropriate Level of Business Process Standardization
in: Business Research, 9 (2), 2016, p. 335-375
Afflerbach, Patrick
Bolsinger, Manuel
Röglinger, Maximilian
Neben seiner Projekttätigkeit engagiert sich das Kernkompetenzzentrum FIM, um den Wissensaustausch mit Kollegen aus Forschung und Praxis zu fördern. Ausgewählte Aktivitäten sind:
 
 

    • European Conference on Information Systems (ECIS), Portsmouth, 2018: Track Co-Chair „Business Process Management“ zusammen mit Jan vom Brocke (Universität Liechtenstein) und Michael zur Muehlen (Stevens Institute of Technology)
    • International Conference on Information Systems (ICIS), Seoul, 2017: Associate Editor im Workshop „Business Process Management – Digital Innovation and Business Transformation“
    • Internationale Tagung Wirtschaftsinformatik (WI), St. Gallen, 2017, Associate Editor im Track „Thought Leadership in Digital Transformation“
    • European Conference on Information Systems (ECIS), Guimaraes, 2017: Track Co-Chair „Business Process Management“ zusammen mit Michael Rosemann (Queensland University of Technology) und Jan vom Brocke (Universität Liechtenstein)
    • International Conference on Business Process Management (BPM), 2017, Program Committee
    • International Conference on Information Systems (ICIS), Dublin, 2016: Associate Editor im Track „Information Systems Design and Business Process Management“
    • DIGIT Digital Disruption and Transformation für Banken & Versicherungen, Frankfurt, 2017, Komoderation mit Hans Ulrich Buhl und Henner Gimpel

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